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  • Herbert Ströbel

Zentrale Frage – wie bewerten wir die Nutzung einer Fläche richtig?

Aktualisiert: 18. Jan. 2023


Bei einem höheren Flächenbedarf für die Agrarproduktion bleibt weniger Fläche für eine klima- und umweltfreundlichere Nutzung übrig. BORLAUGH und DOWSWELL haben diese simple Erkenntnis schon 1994 auf den Punkt gebracht als sie schrieben „growing less food per acre is leaving less land for nature[1]. Spätestens mit Fokus auf klimafreundliche Nahrungssicherung wird der Aspekt der Fläche zentral. Natürliche Vegetation oder naturnahe Nutzung binden nachhaltig große Mengen an Treibhausgasen (THG), während die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln zur schnellen Freisetzung der in den Pflanzen gebundenen Klimagasen führt. Grund dafür ist die zeitnahe Verstoffwechslung der pflanzlichen Biomasse durch menschliche und tierische Verdauung und durch Rotte des Abfalls und der nicht konsumierten Nebenprodukte. Ziel sollte deshalb sein, möglichst wenig Fläche für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion zu benötigen, um möglichst viel Flächen der klimagasbindenden natürlichen oder naturnahen Vegetation überlassen zu können. Ein Mehrbedarf an Fläche für die Ernährung und die Konsequenzen daraus für Klima und Umwelt sind deshalb in die Betrachtung mit einzubeziehen, um abzuwägen, ob andere nützliche Aspekte einer extensiveren Nutzung groß genug sind, um z.B. höhere THG Emissionen in Kauf zu nehmen oder auch nicht.


Aus dieser Erkenntnis folgt, dass der Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln die nachhaltige THG Bindung durch natürliche Vegetation oder naturnahe Nutzung auf der gleichen Fläche verhindert. Diese entgangene nachhaltige Bindung von Treibhausgasen wird durch den Anbau verursacht und ist diesem als Nutzungskosten oder Opportunitätsverlust anzulasten. Dieser Opportunitätsverlust an THG Bindung ist deshalb in seiner Höhe festzustellen und zu den bei der Produktion anfallenden THG Emissionen[2] zu addieren, um auf Basis der tatsächlichen Belastung mit Klimagasen Anbausysteme mit unterschiedlichen Erträgen je Flächeneinheit vergleichen zu können. Bei genauerem Hinsehen fällt bei vielen wissenschaftlichen Publikationen zum Ökolandbau außerdem auf, dass die umweltrelevanten Wirkungen häufig auf die Fläche bezogen werden und selten auf den Ertrag. Dabei kommt es doch in erster Linie darauf an, die benötigte Menge an Nahrungsmitteln möglichst umweltfreundlich zu erzeugen.

Opportunitätsverluste entstehen ebenfalls hinsichtlich der Biodiversität. Auch hier gilt, dass natürliche Vegetation oder naturnahe Nutzung eine höhere Biodiversität aufweisen als die landwirtschaftliche Nutzung. Daraus ergibt sich, dass jede landwirtschaftliche Nutzung höhere Biodiversität verhindert und die entgangene Artenvielfalt somit der landwirtschaftlichen Nutzung als Opportunitätsverlust anzulasten ist. Beim Vergleich verschiedener Anbaumethoden ist beispielsweise zu klären, inwieweit eine höhere Biodiversität bei der landwirtschaftlichen Nutzung, wie sie beim Ökolandbau im Vergleich zum konventionellen gegeben ist, durch die entgangene Biodiversität aufgrund des höheren Flächenanspruchs kompensiert oder gar überkompensiert wird.


Die deutlich höheren Produktionskosten beim Ökolandbau werden in Studien zwar selten quantifiziert, aber meistens prinzipiell akzeptiert und als Notwendigkeit für eine vermeintlich umweltfreundlichere und qualitativ hochwertige Nahrungsmittelproduktion dargestellt. Um daraus resultierende hohe Nahrungsmittelpreise zu vermeiden, wird oft hohe Subventionierung vorgeschlagen und als Preis, den die Gesellschaft für eine intakte Umwelt und gute Lebensmittel eben bezahlen muss, postuliert. Aufgrund der bereits beschriebenen Aspekte ist diese Begründung zu hinterfragen. Außerdem muss vor allem im globalen Süden die Nahrungsmittelproduktion nicht nur umweltfreundlich, sondern auch kostengünstig sein. Die dortigen Staaten können sich die hohen Subventionen kaum leisten und hohe Nahrungsmittelpreise bedeuten dort erhebliche soziale Probleme und letztlich Unterernährung und Hunger.


Oft werden die höheren Produktionskosten im Ökolandbau mit niedrigeren externen Kosten gerechtfertigt. Aber auch das ist zu hinterfragen, weil durch das verbreitete Weglassen verschiedener Opportunitätsverluste, beispielsweise bei THG-Bilanz und Biodiversität, die Auswirkungen dieser Anbaumethode auf die externen Kosten, also den Kosten, die von der Gesellschaft zu tragen sind, erheblich unterschätzt werden.


Mehr hierzu im Diskussionspapier.

[1] Borlaugh, N. and Dowswell C.: Feeding a Human Population That Increasingly Crowds a Fragile Planet (1994) zitiert in: Kirchmann, H.: Why organic farming is not the way forward, in: Outlook on Agriculture 2019, Vol. 48. [2] ) Emissionen durch Bodenbearbeitung, Saat, Düngung, Pflege, Ernte und Transporte

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