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  • Herbert Ströbel

Österreichische Studie widerlegt massives Insektensterben

Aktualisiert: 28. Jan. 2023


Am Montag 16.1.2023 erschien im Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt ein interessanter Artikel zu einer in Österreich umfassend durchgeführten Studie. Dort heißt es:

"Die Geschichte vom massiven Insektensterben, an dem vor allem konventionelle Landwirte durch ihre Bewirtschaftungsweise und durch Einsatz von Pflanzenschutzmitteln schuld sein sollen, muss wohl umgeschrieben werden. Diese Vermutung lässt eine jetzt veröffentlichte Studie zumindest für Österreich zu. Sogar die beauftragten Experten waren von ihren Ergebnissen überrascht."

Wieder ein Beispiel dafür, wie wertvoll wissenschaftliche Untersuchungen zur Prüfung einfacher Annahmen sind.



Zum Thema Insekten erläuterte ich Folgende Punkte im Diskussionspapier (Kap 7.1.2.):


Der Einsatz des synthetischen Pflanzenschutzes verhindert etwa die Hälfte der Ertragsverluste, die bei ungeschütztem Anbau global 70 Prozent betragen würden.[1] Fruchtartspezifische Schätzungen der globalen Ertragseffekte des Pflanzenschutzes betragen bei Weizen 19%, bei Reis 32%, bei Mais 33%, bei Kartoffeln 42% und bei Sojabohnen 27%.[2] Synthetischer Pflanzenschutz trägt damit deutlich zur Sicherung der Welternährung bei, reduziert den Flächenbedarf für den Anbau von Nahrungsmitteln und wirkt auf diese Weise positiv auf Klima und Umwelt. Zudem ist eine Deckung des zukünftig erwarteten globalen Mehrbedarfs an Nahrungsmitteln von 60 bis 100 Prozent ohne synthetischen Pflanzenschutz bisher nicht vorstellbar.


Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird vor allem im Hinblick auf die Biodiversität, das Insektensterben und die menschliche Gesundheit verbreitet kritisch gesehen. Dazu ist anzumerken, dass alle Pflanzenschutzmittel einem strengen Zulassungsverfahren unterliegen, dem ein Sicherheitsfaktor von 100 zugrunde liegt. Dazu wird die Anwendung der Pestizide streng kontrolliert. Überdies konnten seit 1970 die Toxizität um 90 Prozent reduziert, die Applikationsraten um 50 Prozent gesenkt und dazu die Persistenz im Boden halbiert werden.[3]


Allerdings gibt es bei den Zulassungen bzw. Verboten Inkonsistenzen. Faktisch nicht nachvollziehbar ist die Zulassung der Kupfermittel, die hoch ökotoxisch und nachhaltig biodiversitätsschädigend sind und zunehmend auch das Grundwasser belasten. Obwohl sie nach den Ausschlusskriterien, die für die Zulassung von Pflanzenschutzmittel gelten, auf keinen Fall zulassungsfähig sind, wurden sie im Interesse der Ökobranche dennoch erlaubt. Ohne ihren Einsatz als Fungizid wären zahlreiche Bio-Produktionssysteme (Obstbau, Weinbau, Gemüsebau, Hopfenanbau, Kartoffelanbau etc.) praktisch unmöglich.


Für den Einsatz von Glyphosat ein vollständiges Verbot angestrebt, obwohl dieses Mittel die Zulassungskriterien erfüllt und hinsichtlich wichtiger Giftigkeits- und Umweltkriterien weitaus besser abschneidet. Beispielsweise sind die Kupfermittel bis zum Fünfzehnfachen giftiger[4] als Glyphosat, sind hoch toxisch für Bodenmikroben, Regenwürmer und aquatische Organismen, haben eine hohe Persistenz im Boden und reichern sich in Organismen an, während Glyphosat nur wenig toxisch auf Bodenmikroben wirkt, Regenwürmer und aquatische Organismen nicht beeinträchtigt, im Boden abgebaut wird und sich in Organismen nicht anreichert (siehe Übersicht 7).


Übersicht 7: Toxizität von Kupfersulfat und Glyphosat [5]

Kupfersulfat

Glyphosat

Warmblütertoxizität:

LD50 (mg je kg Körpergewicht) *)

300

4.973

ADI (mg je kg Körpergewicht) **)

0,15

1,0

Ökotoxizität:

Toxizität für Bodenmikroben

hoch

niedrig

Toxizität für Regenwürmer

hoch

keine

Toxizität für aquatische Organismen

ja

nein

Persistenz im Boden

sehr hoch

keine

Bio-akkumulierend

ja

ja

*) LD50: Letale Dosis für 50 Prozent der Versuchstiere bei Einmalgabe

**) ADI: average daily intake; gesundheitlich unbedenkliche tägliche Aufnahme


Hier wurde nicht nach Schädlichkeit, sondern nach Herkunft des Mittels entschieden, wobei Kupferpräparate als natürliche Mittel eingestuft werden und deswegen offensichtlich giftiger sein dürfen. Hinzu kommt, dass Glyphosat, verantwortungsvoll eingesetzt, ein wichtiges Hilfsmittel für umweltfreundliche Kulturmaßnahmen, wie Direktsaat und Zwischenfruchtanbau ist und bei der Bekämpfung vom Problemunkräutern wertvolle Dienst leistet.


Übrigens sind die deutschen Landwirte sehr zurückhaltend beim Glyphosateinsatz und nur mit knapp drei Promille am Weltverbrauch beteiligt. Durch strengere Regeln könnten die Einsatzmengen weiter verringert werden, ohne die ökologisch und wirtschaftlich sinnvolle Nutzung unmöglich zu machen. Ein extrem überhöhter und schädlicher Glyphosat-Einsatz, wie er beispielsweise in Südamerika häufig vorkommt, findet nicht statt und ist ohnehin bereits durch bestehende Normen ausgeschlossen.


Die Veränderungen der Insektenpopulationen sind weltweit sehr unterschiedlich[6] und nach streng wissenschaftlichen Studien weitaus geringer als beispielsweise in der „Krefelder Studie“ [7] ermittelt wurde, die einen Verlust von Insekten-Biomasse in Höhe von 75 Prozent in 27 Jahren angibt. Die Ursachen der Populationsveränderungen sind bisher weitgehend ungeklärt, so dass es für eine substantielle pauschale Reduktion der synthetischen Pflanzenschutzmittel gegenwärtig keine vernünftige wissenschaftliche Begründung gibt. Wie bereits ausgeführt, haben die Toxizität der synthetischen Pflanzenschutzmittel und ihre Anwendungsmengen durch wissenschaftliche Weiterentwicklung und strengere Anwendungsregeln seit 1970 erheblich abgenommen, so dass es wenig plausibel erscheint, den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft hauptsächlich für das Insektensterben in jüngerer Zeit verantwortlich zu machen. Außerdem gibt es bisher kaum brauchbare biologische Alternativen, so dass hier Initiativen für intensive Forschungen sowohl im synthetischen als auch im biologischen Bereich der geeignetere Ansatz wäre. Die starke Einschränkung des Einsatzes an synthetischen Mitteln hat überdies zur Folge, dass in diesem Bereich immer weniger geforscht wird, und die Gefahr wächst, dass Krankheiten und Schädlinge auftauchen, für deren Bekämpfung die Mittel fehlen und resultierende Versorgungsprobleme oder gar Hungersnöte dann nicht mehr vermieden werden können.


Bezüglich menschlicher Gesundheit ist darauf hinzuweisen, dass die tägliche Aufnahme von natürlichen Giften etwa 1500 mg beträgt und damit weitaus größer ist als das eine Milligramm an täglich aufgenommenen Pestiziden.[8] [9] Überdies würden viele natürlichen Gifte wegen zu hoher Toxizität die Kriterien der Zulassung als Pflanzenschutzmittel nicht erfüllen, so dass die zusätzliche Giftaufnahme aufgrund von Pflanzenschutzrückständen vergleichsweise unbedeutend ist.


Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist sicher ein Eingriff in die Natur und muss sehr sorgfältig gestaltet werden, das heißt, dass strenge ex-ante und laufende Prüfungen der jeweiligen Mittel und strenge Regeln für den Einsatz erforderlich sind. Dies gilt besonders auch für die Gebiete der Erde, in denen noch nicht ausreichend durch gesetzliche Regelung, Verfügbarkeit geeigneter Mittel und gute landwirtschaftliche Ausbildung von einem verantwortungsvollen Umgang ausgegangen werden kann. Hier finden sich Inhalte für die Entwicklungszusammenarbeit im Sinne deutscher Verantwortung in globalen Fragen. Ideologisch begründete Ausgrenzung und pauschale Verbote synthetischer Pflanzenschutzmittel sind keinesfalls geeignete Ansätze, vielmehr die Förderung von Wissenschaft und Forschung hier weiter an möglichst schonenden Methoden zu arbeiten.


[1] Tiedemann, Andreas von: Pflanzenschutz essenziell für die Ernährungssicherheit, Kommentar in Top agrar vom 06.05.2021. [2] Studie der Universität Leuven für das EU-Parlament, März 2019. [3] McDougall, Phillips: Evolution of the Crop Protection Industry since 1960, 2018. [4] Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA). [5] Tiedemann, Andreas von, angegeben in: https://m.youtube.com/watch?time_continue=15367&v=v-cZWAk78So&featur [6] van Klink, R.: Meta-analysis reveals declines in terrestrial but increases in freshwater insect abundances https://harvardforest1.fas.harvard.edu/sites/harvardforest.fas.harvard.edu/files/publications/pdfs/vanKlink_ Science_2020.pdf [7] Vgl. Agrarheute: Deutsche Metastudie zum Insektensterben: die Gründe sind komplex. 2020. [8] Kirchmann, H., Bergström L., Kätterer, T., und Andersson, R.: Dreams of Organic Farming – Facts and Myths, Stockholm 2016. [9] Ames, B.N., Profet, M. & Gold, L.S. (1990) Dietary pesticides (99.99 % all natural). Proceedings of the National Academy of Science of the USA 87, 7777-7781 (zitiert von Kirchmann et al). [10] Nobelpreis in Chemie 2020 für CRISPR/Cas9 (Genschere): Emmanuelle Charpentier: Max Planck Forschungsstelle Berlin und Jennifer Doudna: College of Chemistry, University of California, Berkeley [11] https://www.transgen.de/aktuell/2812.genome-editing-pflanzen-usa.html [12] https://www.derstandard.de/story/2000103193396/russland-erlaubt-gen-schere-crispr-in-der-landwirtschaft







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